Hallo Agnieszka Roguski, du bist derzeit Lehrbeauftragte am Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft. Magst du dich kurz vorstellen? 

Hallo! Ich freue mich, dass ich in diesem Semester am Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft der Universität Hildesheim einen Lehrauftrag habe, denn das gibt mir die Möglichkeit, meine eigene Arbeit in neuen Zusammenhängen zu erproben. Momentan promoviere ich an der Freien Universität Berlin zu visuellen Performanzen des Selbst in post-digitalen Kulturen. An der Universität Hildesheim zu unterrichten schließt an meinen Ansatz an, Wissen als Praxis zu verstehen – und umgekehrt. Ich habe Theater- und Kulturwissenschaften in Berlin, Krakau und Leipzig studiert und später das postgraduale Programm „Kulturen des Kuratorischen“ an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig absolviert. Mein Schwerpunkt liegt bei Visuellen und Digitalen Kulturen, Performance und Performanz, Kulturen des Kuratorischen sowie queer-feministischen Perspektiven. Ich hatte zunächst angefangen, am Theater zu arbeiten, habe dann aber mein Interesse für die Bühne ins Theoretische verlagert und auch Bildräume und Ausstellungsdisplays unter dem Aspekt der Inszenierung betrachtet. Es war wichtig, dafür sowohl institutionelle Erfahrungen zu sammeln, wie etwa an der Volksbühne Berlin, bei PRAXES Center for Contemporary Art oder am CCA Wattis Institute for Contemporary Art in San Francisco, als auch eigene Projekte zu realisieren, wie zum Beispiel im Kollektiv A.R. practice zusammen mit der Grafikdesignerin Ann Richter. Letztes Jahr habe ich an der HGB in Leipzig gelehrt und zusammen mit Beatrice von Bismarck, Julia Kurz und Benjamin Meyer-Krahmer ein umfangreiches Projekt zum Thema der kuratorischen Forschung realisiert. Dort habe ich Fiona McGovern kennengelernt und kann nun der Frage, wie Kuratieren ein Prozess des Forschens sein kann, hier in Hildesheim weiter nachgehen.

Skype-Workshop mit Binna Choi im Rahmen von „Show and Try Again“,
Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2019. Foto: Raisan Hameed.

Im digitalen Sommersemester 2020 veranstaltest du das Seminar „CHIT-CHAT – Becoming public in postdigital infrastructures“. Worum geht es in dem Seminar?

In CHIT-CHAT geht es um Gossip und dessen spezifische Bedeutung heute. Das Seminar setzt dafür genau an der Stelle an, wo Corona bedingt plötzlich ein noch größerer Teil des Alltags stattfindet: an der Verflechtung digitaler und nicht digitaler Lebenswelten, deren Organisationsprinzipien und Darstellungsweisen. Im Zentrum steht die Frage, wie diese post-digitalen Infrastrukturen Subjekt-Vorstellungen bedingen, formen und verändern und wie sie durch bestimmte Narrationsweisen Formen von Öffentlichkeit schaffen. Öffentlich-Werden erfordert im Postdigitalen die aktive Präsentation, Narration und Kontextualisierung von Selbst-Entwürfen und deren paradoxen Versprechen nach Authentizität. Was also bedeutet dieses Öffentlich-Werden für damit einhergehende Identifizierungsweisen – und deren Integration in soziale und politische Kontexte? Welche Potenziale zu Kritik und Veränderung haben dabei die sozialen Gebrauchsweisen von Online-Plattformen? Tatsächlich scheint die Relevanz informeller Kommunikations- und Narrationsstrategien aktueller denn je, denn neben Fake News und Filter Bubble sind es das Viral-Werden und Zirkulieren von Bildern, Inhalten und Informationen, die politische Entscheidungen beeinflussen. Das verlangt eine Betrachtung der Produktions- und Gestaltungsmöglichkeiten des Selbst mit sozialen Infrastrukturen sowie deren Nutzung, Aneignung, Neu-Formulierung oder Re-Inszenierung. Alltagspraxen rücken in den Vordergrund, die Potenziale des Queerings bestehender Kommunikationsmuster in sich tragen: als Counter-Narratives, Gegen-Öffentlichkeiten und Neu-Formulierungen visueller Ordnungen. Gossip, das heißt das Austauschen trivialer, nicht-autorisierter und oft manipulierter Informationen, wird dabei als Instrument genutzt, Vorstellungen des Authentischen kritisch zu hinterfragen und neue mediale Infrastrukturen zu schaffen. Ich habe mich dafür entschieden, das „digitale Semester“ dafür zu nutzen, die Fragen des Seminars methodisch anzuwenden. Dafür finden die Textdiskussionen und Präsentationen in einer Telegram-Gruppe statt, in der via Chat auch theoretische Inhalte vermittelt werden. Das Seminar spricht so nicht über Chats beziehungsweise Gossip, sondern chattet über das Sprechen. Es entsteht so sehr viel Dynamik, Interaktion und Mehrstimmigkeit, die Texte werden außerdem nicht mehr linear verstanden. Am Ende der Übung steht die Erarbeitung eines auf Gossip-Strategien basierenden Präsentationsmodus, der auf kuratorische Weise fluide, mehrstimmige Formen eines vernetzten Selbst sichtbar macht beziehungsweise seine Unsichtbarkeit zeigt.

In welchem Zusammenhang steht das Seminar mit deiner Tätigkeit als Autorin, Wissenschaftlerin und Kuratorin?

Gossip ist ein zentraler Bestandteil der Kunstwelt, quasi das Schmieröl, das die Zahnräder des ganzen Systems laufen lässt. Gallery Dinner, After Party, Private View – überall werden Informationen und Kontakte ausgetauscht, die vor allem symbolisches Kapital fließen lassen. Darin zu agieren heißt für mich zunächst, verschiedene Rollen einzunehmen und eine Menge Codes zu lernen, die sowohl klar inszeniert werden als auch verdeckte, machtvolle Abläufe regulieren. Für mich sind diese Verhältnisse von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Kern meiner Arbeit. Ich interessiere mich dafür, was unter welchen Bedingungen öffentlich wird, genauso aber auch, was sich dieser Öffentlichkeit entziehen oder sich ihr entgegenstellen, sie kritisieren kann. Ich beschäftige mich oft mit digitalen Zusammenhängen, weil dort Schlagworte wie Transparenz, Vernetzung und Access die Mechanismen von Ein- und Ausschluss fast mythologisch verklären beziehungsweise kapitalistisch und politisch nutzbar machen. Ganz konkret bedeutet das, dass ich meine Praxis immer als situiert begreife und dementsprechend auch meine Texte, Ausstellungen oder Lehrformate als eine Form der teilnehmenden Beobachtung begreife.

In meinem Dissertationsprojekt „The Self on Display“ geht es zum Beispiel darum, wie ein Selbst im Post-Digitalen öffentlich wird. Ich habe mich gefragt, wie digitale Wirkungsweisen mit dem Kuratorischen zusammenhängen und eine Form der „Display-Praxis“ hervorbringen. Darunter verstehe ich ein nie vollständig zu erschließendes Set an Strategien, mit denen ein Selbst öffentlich wird und sich damit identifiziert. Dafür habe ich meine eigene „vernetzte Öffentlichkeit“ untersucht, das heißt die Feeds meiner Social Media Accounts. Mich interessieren Inszenierungsweisen und ihre Ökonomien, aber auch, welche kritischen Potenziale in ihnen liegen. In welchem theoretischen und historisch gewachsenen Verhältnis stehen neoliberale Versprechen auf Authentizität und Autor*innenschaft zum Kuratorischen, und wie kann davon ausgehend ein Selbst als relational, multipel und fluide gedacht werden? Wie können Strategien des kontinuierlichen Präsentierens identitären Festschreibungen und Repräsentationen entgegengesetzt werden? Oder, mit José Esteban Muñoz gesprochen: Wie kann sich ein Selbst im Post-Digitalen disidentifizieren?

Deine Zusammenarbeit mit der Grafikdesignerin Ann Richter im Kollektiv A.R. practice hast du bereits angesprochen. Wie erweitert sich durch diese Kollaboration deine eigene Praxis? 

Für mich ist es sehr wichtig, Wissen als Praxis zu begreifen. Mit A.R. practice arbeiten wir ausgehend von theoretischen Fragestellungen an praktischen Ausformulierungen. Vor allem aber erweitert sich meine Praxis durch das gemeinsame Arbeiten, was wir schon mit unserem Namen ausdrücken: A.R. sind die Initialen unserer beiden Namen (Ann Richter und Agnieszka Roguski) und der Zusatz „practice“ weist darauf hin, dass es uns ganz grundsätzlich auf einen gemeinsamen praktischen Ansatz geht, ein gemeinsames Vorgehen. Das bedeutet, Projekte auch zusammen zu denken, sich also von Grund auf im Bezug auf Inhalte, Formate, Gestaltungsweisen und Kontexte zu verständigen. Während der Theorie oft ein Arbeiten im „Elfenbeinturm“ zugeschrieben wird und Grafikdesign und Kuratieren meist als „kreative Dienstleistungen“ betrachtet werden, sehen wir unsere Arbeit als ebenso eigenständig wie eingebettet in einen transdisziplinären Zusammenhang. Auf diese Weise können wir unsere professionellen Methoden hinterfragen und verschiedene Rollen einnehmen, auch wenn ich nicht selbst den „Job“ einer Grafikdesignerin übernehme. Das gemeinsame Entwickeln und Durchdeklinieren verschiedener Formate steht dabei für uns im Vordergrund.

Gibt es ein Ausstellungsprojekt, an dem du derzeit arbeitest, allein oder im Team?

Tatsächlich schließen wir mit A.R. practice gerade ein Projekt ab, denn wir veröffentlichen noch diesen Sommer zusammen mit dem niederländischen Verlag Onomatopee ein Buch. Es heißt „Echoing Exhibition Views. Subjectivity in Post-Digital Times“ und verfolgt einen sehr medienreflexiven Ansatz, der an vorhergehende Projekte anschließt. Wir haben schon lange zum Thema des digital zirkulierenden Installation Views gearbeitet und dazu bereits eine Ausstellung im Kunstverein Leipzig und online realisiert. Jetzt geht es uns darum, wie digitale Ansichten im analogen Buch-Medium wiederhallen – nicht als deren digitale Abbildung im Print-Medium, sondern deren subjektiven Übertragungen in nicht-digitale Räume, die im Buch präsentiert werden. Ich werde außerdem ab Januar die Leitung des M.1 übernehmen, dem Kunstraum der Arthur Boskamp-Stiftung. Dafür sind Hochschulkooperationen in Planung, die den Schwerpunkt meiner Arbeit weiterhin auf die Frage nach kuratorischer Forschung legen beziehungsweise sie als solche begreifen; und die das Öffentlich-Werden von Kunst nicht als Ergebnis, sondern als einen Prozess behandeln, der in erster Linie ein suchender ist.


Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview wurde im Juli 2020 von Fiona McGovern und Leona Koldehoff per Mail geführt. 

Für weitere Informationen über und Fragen an Agnieszka Roguski siehe: 

www.agnieskaroguski.de